Portrait: THE DARK TENOR – Der Künstler mit der Maske

The-Dark-Tenor---2014

Jeder weiß, dass Musik immer individuell ist und auch jeder Künstler seine eigenen individuellen Seiten hat. Trotzdem gibt es immer wieder welche, die sich von der Masse abheben, auf die wir unser gesamtes Augenmerk richten, auf die wir neugierig werden und uns immer wieder fragen, wer diejenigen überhaupt sind und was sie machen. Wir wollen hinter die Fassade blicken, den Menschen kennenlernen, der diese Musik komponiert hat die uns da gerade so unglaublich fesselt. Wollen verstehen, wer da dahinter steht und fangen an, nach ein paar tiefergehenden Informationen zu suchen. In der Regel bekommen wir auch irgendwoher ein paar Backgroundinfos – ob diese jetzt auch wirklich so stimmen oder nur bewusst inszeniert sind, sei dahin gestellt, aber wir erfahren zumindest irgendetwas.

Was machen wir jetzt aber wenn wir einen Künstler haben, der in kompletter Anonymität auftritt? Wir verzweifeln… Nein, natürlich nicht, aber wir werden zumindest noch ein ganzes Stück neugieriger und lassen unserer Faszination freien Lauf.

Die Rede ist von genau so einem Musiker. Einem Musiker, der die Anonymität der Offenheit vorgezogen hat und einen Musiksound kreiert, der seiner Außergewöhnlichkeit in nichts nachsteht: Crossover aus Klassik und Pop. Düsterem Pop wohlgemerkt.
Niemand kennt ihn ohne Maske, keiner weiß seinen richtigen Namen, was er überhaupt vor seinem Debütalbum gemacht hat, was er so für Meinungen hat – kurz: was ist das für ein Mensch?

Dieser Artikel soll sich mit genau diesem Menschen auseinandersetzen: Wer ist THE DARK TENOR? Was macht seine Musik aus? Was hat er erlebt und wie ist er zu dem geworden, was er jetzt ist?
Dazu habe ich mich ein bisschen mit ihm unterhalten… The_Dark_Tenor_05_credit_Helen_Sobrialski_span7_slider

Das musikalische Klangbild von THE DARK TENOR ist eigentlich recht einfach darzustellen: Klassik und Pop. Er greift auf die Originalmelodien großer Komponisten zurück und untermalt diese mit seinen eigenen Popmelodien und schreibt Texte dazu. Doch obwohl dieses Schema anfangs recht einfach erscheint, ist es doch komplexer als man auf den ersten Eindruck hört. Doch bevor wir dieses Klangbild ein bisschen genauer unter die Lupe nehmen, gilt es erst einmal die Ursprünge näher darzustellen.
Was hat THE DARK TENOR eigentlich früher gemacht? Spricht, wie ist er überhaupt zur Musik gekommen?

Aus den USA stammend und zweisprachig aufgewachsen hat er, wie fast jeder andere Sänger, bereits sein ganzes Leben lang gesungen, eher er dann doch relativ früh in professionellen Knabenchören gelernt hat. Für den ein oder anderen Leser mag sich das jetzt vielleicht seltsam anhören, aber genau dadurch ist er schließlich an der Semperoper in Dresden gelandet. Davor hat er acht Jahre im Dresdner Kreuzchor gesungen, nach dem Stimmbruch wurde er dann schließlich erster Tenor.

Nach seinem Abitur (und ja dies wurde entsprechend am Internat absolviert) schied er aus dem Kreuzchor aus, wie es in diesem Alter üblich ist. Somit war der Weg zu entsprechend professioneller und definitiv vorzeigbarer Gesangsausbildung geebnet. Aber was hat ihn jetzt eigentlich dazu gebracht, ein komplettes Album aufzunehmen?

Der Wunsch, eigene Musik zu machen tauchte schon mit 13/14 Jahren auf. Wenn man in einem Kreuzchor singt, sind die Möglichkeiten der individuellen Entfaltung im Sinne davon nicht nur das zu singen, was Schwarz auf Weiß geschrieben ist eher gering. In diesen jungen Jahren strebte THE DARK TENOR bereits danach, seine eigene künstlerische Ader zu entwickeln und jonglierte mit vielen Songs, um das zu machen was er schon immer wollte.

Dies führte dann dazu, dass er in Berlin ein paar Menschen kennenlernte, die mit ihm zusammen eine Idee verfolgten, die eigentlich aus einer „umtrunkenen Nacht“ heraus entstand.

Sein Debütalbum „Symphony of Light“ ist also das Ergebnis, einer Entwicklungsspanne, die bis zu seinem frühen Jugendalter zurück reicht. Geprägt von allen Erfahrungen, entwickelten Idealen, Emotionen, seinen gesanglichen Erfahrungen und die Fähigkeiten als Instrumentalist, haben dieses Album zu dem gemacht, was es jetzt ist: ein Werk voll außergewöhnlichen Fähigkeiten.

The Dark Tenor - CMS Source

THE DARK TENOR lebt für die Gegensätze, was auch gleichzeitig seine Musik prägt. Wohnhaft in Berlin erlebt er diese alltäglich: schön gegenüber unschön, reich gegenüber arm, laut gegenüber leise und trotzdem passiert alles auf dem gleichen Weg, auf dem gleichen U-Bahn Steg, in der gleichen Stadt. Jeder Mensch erlebt dies eigentlich immer wieder, doch nur die wenigstens registrieren es. Gegensätze machen unser gesamtes Leben aus, doch wir nehmen es einfach so hin, ohne groß darüber nachzudenken. THE DARK TENOR vereint all diese alltäglichen Dinge in sich selbst oder vielmehr in seiner Musik.

„Die Schönheit eines Mozartstückes umrahmt von dunklen Popelementen, Elektronik und großem Orchester, die das Ganze in einen anderen Kontext tauchen.“

THE DARK TENOR verwendet diese Mittel allerdings nicht, ohne sich gewisse Gedanken zu machen, was die großen Komponisten davon halten könnten. So geht er davon aus, dass Mozart gar nicht so sehr davon abgeneigt wäre, denn immerhin benutzte er seine Musik als eine Art Spielzeug, was man deutlich hören würde. So hätte er das ein oder andere bestimmt ganz gut gefunden, was auf dem Album passiert wäre.

Wir können Mozart selbst dazu leider nicht mehr befragen, aber der Gedanke an sich ist doch zumindest kein schlechter.

Dieser gegensätzliche Musiker hofft besonders auf gegensätzliche Reaktionen, er möchte die Klassik auf der einen Seite besonders der Jugend wieder näher bringen, doch gleichzeitig hofft er auch darauf, dass die Klassikfans aufmerksam werden und eventuell auch für andere Musikstile sensibilisiert werden. Große Erwartungen. Ob sich diese auch so bewahrheiten, bleibt offen. Bis jetzt sind die Reaktionen auf dieses Album sehr positiv, doch es ist noch nicht ganz zu den Klassikfans durchgedrungen. Wir dürfen also weiter gespannt sein.

Eine der großen Preisfragen ist jedoch, warum hat sich dieser Mann überhaupt dazu entschieden zur Maske zu greifen, sich ein Pseudonym zuzulegen und im Grunde genommen sich selbst völlig in die Anonymität zu bewegen?

„Meine Maske ist, anders als bei Cro, wo sie nur zu Marketingzwecken verwendet wird, für mich ein ganz klares Stilmittel, die Klassik vielleicht über diesen Weg transportiert zu bekommen. Mir geht es wirklich darum, wie bekommt man die Klassik wieder mehr ins Alltagleben hinein? Die Maske bietet da natürlich einen gewissen Schutz und sorgt dafür die Menschen neugierig zu machen. Die Entwicklung des Albums lief homogen zu der Entwicklung dieser Figur und ist noch längst nicht am Ende angekommen. Vieles ist sehr autobiografisch und von daher wird die Maske auch selbstverständlich live weiter verwendet.“

Warum genau er jetzt allerdings so extrem viel Wert darauf legt, unerkannt zu bleiben und so wenig wie möglich über sich preis zu geben, bleibt weiterhin offen, für ihn ist das alles allerdings „gut so“ .
Was jedoch sehr bezeichnend ist, ist die Tatsache dass er zwar bekennender Klassikfan ist (durch seinen Kindheit ja auch völlig klar), gleichzeitig aber einen sehr breitgefächerten Musikgeschmack hat.

„Ich bin eigentlich an jedem Musikstil interessiert. Ich empfinde Musik nicht als steife „Ich kann nur das hören“, wobei es natürlich auch Stile gibt, die man einfach vom emotionalen Output her nicht hören möchte, was ja aber bei jedem so ist. Generell ist mein Interesse sehr breit gestreut, von Hip Hop über Elektro, über Rock und manche Heavy Metal Sachen. Wenn ich ein gutes Popsongwriting höre bin ich sehr fasziniert. Ich denke, das hört man auch sehr deutlich auf der Platte, also in den Stücken, die ich selbst komponiert habe.“

Ein Track, der THE DARK TENOR sehr am Herzen liegt, ist „A Stranger Like You“ . Der Text sei autobiografisch aus einigen Erlebnissen der letzten eineinhalb Jahre heraus entstanden.
Die Details oder mögliche Interpretationen, dieses Songs seien dabei jedem selbst überlassen. Aber mal abgesehen von den mehr als interessanten Lyrics verursacht vor allem das musikalische Arrangement in Verbindung der Stimme von THE DARK TENOR fast schon Gänsehaut. Das nur am Rande.

  THE DARK TENOR ist kein reiner Musiker, er ist ein Künstler. Ein Künstler der einen ganz neuen Anspruch definiert und es schafft seine Hörer in eine ganz andere Sphäre zu locken, in der sie sich voller Faszination umblicken können und neue Dinge erkennen. Wie vielen Musiker kann so etwas schon gelingen?

Dieser Mann, seine Fähigkeiten und seine Musik sind eine Bereicherung der Musikwelt, hinter deren Phänomene wir in so schnell nicht blicken könne. Wann wird THE DARK TENOR seine Maske ablegen? Blicke hinter die Kulisse zulassen? Uns Einblicke in seine Persönlichkeit gewähren? Man weiß es nicht und wir werden es auch so schnell nicht erfahren. Bis dahin bleibt uns nur die Musik, an der wir uns erfreuen und uns darin verlieren können. Wenigstens etwas.

 

Geschrieben von Melina Linder

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Bildquelle: Universal Music