Review: THE MERCURY TREE – „Countenance“ (Progressive Rock / Experimental)
Wenn man den Namen The Mercury Tree das erste mal hört, vermutet der ein oder andere bestimmt, dass es sich hierbei um baumknutschende Ökohippies handeln könnte. Es war das Jahr 2006, als die Freunde Ben Spees (Gitarre, Gesang, Keyboard), Connor Reilly (Drums) und Oliver Campbell (Bass) die Band zum Leben erweckt haben. Knapp ein Jahr später folgte das selbstbetitelte Debütalbum der im US-Bundesstaat Oregon gegründeten experimentellen Prog Rock-Combo, die es ab diesem Zeitpunkt immerhin auf drei weitere EPs und zwei weitere Alben gebracht hat. Nun ist mit „Countenance“ ihr neues, drittes Studio Album im Kasten, mit dem sich The Mercury Tree aufs erste Anhören hin, mächtig Mühe gegeben haben.
Diese Mühe hört man augenblicklich beim anlaufen des Openers
„Pitchless
Tone“
. Das Trio serviert euch hier Rockmusik nach Art des Hauses. Der hohe Gesang ist im Einklang mit dem apathischen, komplexen Arrangement. Der Klang bewegt sich irgendwo zwischen Heavyness und poppiger Note. Die Riffs sind relativ simpel, aber manchmal braucht es auch nicht immer Komplexes und Aufgeblasenes. Wie die Band diesen Song jedenfalls verwirklicht hat, ist echt gut. Der Bassist spielt easy ein druckvolles Riff nach dem anderen herunter. Die Gitarren sind relativ simpel gestrickt. Der Fokus liegt bei der Band ganz klar im Gesang.
„Vestigial“
ist da schon von der anspruchsvolleren Art und Weise. Die experimentellen Elemente harmonieren wunderbar mit dem übrigen Spiel. Der Drummer spielt sehr vielschichtig. Der Bassist ist eine Klasse für sich und diesmal spielt Frontmann
Ben Spees
sogar simultan zu dem komplexen, punktgenauen Bassriff und beweist, dass er durchaus ein fähiger Gitarrist ist. Dass er singen kann und das sogar sehr gut, das sei euch versichert. Aber leider werden die Keyboards schnell nervig. Das gespielte Abwärts-Arpeggio ist derart nervig, dass es die ganze Stimmung versaut. Es ist einfach so lange in Endlosschleife präsent und vermurkst somit den ganzen Spaß, das war leider ein Reinfall. Das traumathmosphärische
„Otholits“
macht eine gute Figur und kann obgleich der häufigen, immer wieder gleichen Tonfolgen sogar punkten. Hier würde man sogar irgendwie etwas vermissen, würden diese abwärts spielenden Gitarren fehlen. Plötzlich schaltet der Song wie auf Knopfdruck um und wird zum Klangerlebnis. Verspielte 8-Bit Synthesizer im Hintergrund, phänomenaler Rock, der mächtig Druck macht und nicht gekünstelt aufgepumpt wirkt. Der Song hat gefühlte 160 BPM auf dem Tacho und wird euch nicht mehr stillsitzen lassen. Der Drummer peitscht mächtig auf den Bass und die Gitarren ein, die dadurch zu Höchstleistungen motiviert werden. Nach dieser 3-minütigen, rasanten Fahrt, wird der Song wieder zum Mid-Tempo gedrosselt und gefällt auf diese Art und Weise endgültig.
The Mercury Tree
liefern ein verästeltes Kunstwerk ab, das rockt und doch elektronische Klangexperimente noch und nöcher hergibt. Gegen Ende des Songs geht es nochmal apathisch zu, um dann schließlich mit einem wuchtigen Arrangement zu enden. Gesang gab es hierbei nur in den Mid-Tempo-Phasen des Songs zu hören. Der hektische Wirr-Warr-Teil war gänzlich Instrumental und auf die verschiedenen Elemente konzentriert. Das zunächst gefühlvoll, langsame
„Mazz Jathy“
setzt auf Synthesizer-Sounds. Eine Gitarre ist zu Beginn nicht zu vernehmen. Nach ein paar Sekunden wechseln die Keyboards und es hört sich ein bisschen so an, wie die Titelmelodie zum Horrorstreifen „Halloween“. Wer jetzt glaubt, dass hier auf Gitarren verzichtet wurde, der irrt, denn nach knapp 2 Minuten gesellen auch diese auf Einfachheit zum Titel hinzu. Leider verliert die komplett instrumentale Produktion sehr an Biss und Reiz. Das gleiche Schema, die selben Riffs aneinandergereiht, immer und immer wieder, auf ganze 8 Minuten gestreckt, sodass man fast schon froh ist, wenn man den Titel durch hat. Bei der Gitarre von
„To Serve Man“
muss ich zunächst an eins denken: „Herr Müller, bitte zur Kasse!“ das hört sich wirklich an wie ein Warnsignal, das wahnsinnigerweise immer und immer wieder wiederholt wird und erst verstummt, als die Einleitung des Songs aufhört. Der Gesang ist zwar gut, aber dieses Figgihiiggighiggi figgihiggihiggi nervt wie sonst was und man fragt sich, ob das den sein musste. Das experimentelle
„The Ellsberg Cycle“
überzeugt mit einem akustischen Klangimage, wie es fast ein wenig an 70er Jahre Krautrock-Bands erinnert. Akustikgitarren mit akustischen Instrumenten und Fretlessbässen begleitet und ein mehrstimmiger Gesang entführen euch in eine magische Welt. Hier passt alles perfekt und das Tolle ist der Wechsel zwischen akustischen Instrumenten und effektbedingter Entfremdung des Klangs, die fast schon ins psychedelische abdriftet. Muss man gehört haben. Bei
„False Meaning“
kommt anfangs der 8-Bit Synthie-Pieps-Sound zurück. Doch keine Bange, dieser wird erstmal von einer Rock-Wall weggefegt, wenn auch nur für kurze Zeit, denn nach wenigen Sekunden setzt er wieder ein und eine lässige Nummer wird von
The Mercury Tree
auf eure Ohren ausgestrahlt. Am Ende bleibt man von der schönen progressiven Art dieser Kreation beeindruckt zurück.
„Artifracture“
ist ebenfalls stark und kann sich schon beim ersten Anlauf durchsetzen. Lediglich das Feeling muss man dafür schon aufbauen, ansonsten ist auch dieser Song Klasse.
„Jazz Hands Of Doom“
ist bereits Gehörtes, nochmal in einer etwas anderen Version. Nicht schlecht, aber auch nicht der Überburner, da die immer wieder gleiche Auf- und Ab-Struktur verwendet wird und es wie eine Kopie der vorherigen Nummern wirkt, – nix Originelles. Bei
„Rappel“
rappelts zum Abschluss aber nicht sofort. Einfache Akustikgitarren geben dem Sänger die Gelegenheit, zu zeigen, was er drauf hat und das geht auf. Ein schöner Song, der nochmal richtig auf der guten Progressive-Rock-Bahn fährt.
Fazit: 7 von 10 Punkten. Wenn die Band (ja auch wenn sie Progressive Rock erschaffen) nicht oft das selbe Schema angewandt hätten, hätte es vielleicht für eine 9 oder gar 10 gereicht. Hört euch das Album am besten mal auf Spotify oder Deezer oder gar Bandcamp an und urteilt selbst. Ich will euch die Scheibe nicht madig machen, – ehrlich. Aber irgendwie kommt mir Vieles zu oft aufgewärmt vor…
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