Reviews: SLASH – MANUEL NORMAL – JACK WHITE
SLASH „World On Fire“
(Warner Music/Rottensteiner PR)
Slash muss niemandem mehr etwas grossartig beweisen. Schon gar nicht in Richtung Axl Rose oder der aktuellen Guns’n’Roses -Besetzung. Was aus dieser Richtung nach all den Jahren musikalisch kam, ist ja bekannt und „Chinese Democracy“ war wohl die brutalste Selbst-Demontage, die jemals eine Rockband aus der Oberliga an sich selbst vorgenommen hat. Axl & Co. reiten im Wesentlichen immer noch auf der alten Guns’n’Roses-Welle… bis sie damit untergehen, – wenns nicht eh schon passiert ist…
Von Grossmeister Slash kam da doch so einiges mehr, das in der Geschichte des Rock’n’Roll seine Handschrift hinterlassen wird. Ansonsten bleibt festzustellen: die Genialität der alten Guns’n’Roses bestand eben mit Slash, Axl, Izzy, Duff u.a. aus einer einzigartigen und einmaligen Kombination von Vollblut-Musikern, die es so wohl nicht wieder geben wird, es sei denn Axl kriegt sich wieder ein und trommelt die alte Truppe wieder zusammen. Wie groß der Anteil von Slash am Erfolg der Gunners war, hat er die letzten Jahre ja eindrucksvoll mit seinen eigenen Releases und beeindruckenden Live-Shows gezeigt. Das neue Album „World On Fire“ ist ein herausragendes Rock-Album, bei dem Slash nach dem ersten hören etwas weniger im Vordergrund zu stehen scheint, als auf seinen vorhergehenden Solo-Alben. Man muss das Album mehrmals hören, bis es sozusagen musikalisch in seiner Gänze erblüht. Erst dann hat sich seine ganze Klasse offenbart. Es wird sozusagen mit jedem mal hören besser. Das neue Album ist etwas verspielter, vielleicht weniger direkt, eben mehr ein richtiges Band-Album und kein Ego-Trip. Es beginnt mit einem echten Kracher, der allerdings sofort direkt ins Blut geht: „World On Fire“ , und es würde nicht verwundern, wenn dieser Song das „Rock-Gitarrenriff des Jahres“ beinhalten würde. Es folgen zwei Songs, die eher erst auf den zweiten Blick die Handschrift von Slash erkennen lassen, vor allem in den Rhythm-Parts, denn die Solos sind etwas sparsamer als sonst eingesetzt worden. Dennoch tolle Songs allemal! Dafür legt Slash bei „Wicked Stone“ gitarrenmässig ein Schäuferl nach und zeigt seine ganze Klasse, – und das nicht zu knapp! Mit „Bent To Fly“ folgt ein herrlich gefühlvoller Song, der einem Gänsehaut vermittelt und über einen absolut schönen Refrain verfügt, der einem nicht mehr aus den Ohren gehen will. Es folgt weiterhin mehr als solider Rock, mit einem bluesigen Touch in „Stone Blind“ , gefolgt von „Too Far Gone“ mit Metal-artigem Grundriff, das ganz schön fett abrockt! Herausragend ist dann wieder „Withered Delilah“ , mit einem einfach saucoolen Riff, wie es nur von Slash sein kann. „Dirty Girl“ erinnert gitarrenmässig vom Rhythm her etwas an Aerosmith , geht aber auch ganz schön ab. Frisch frecher Gitarrensound dann wieder bei „The Dissident“ , mit einer herrlich singenden Les Paul! „Safari Inn“ ist ein Instrumental in einer ganz eigenen Klasse. Hier zeigt Slash wieder sein ganzes Können und frickelt das Griffbrett rauf und runter, wie es nur er kann: so locker, so flüssig und doch so heavy, dass die Schwarten krachen! Das Ende läutet dann mit „The Unholy“ ein starker, einprägsamer, druckvoller Song mit tollem Refrain und dunkler, mystischer Stromgitarre ein. Alles in allem somit ein super Album, das die typische Handschrift von Slash teilweise aber eher erst aufs zweite Mal hören erkennen lässt, vor allem bei den wenigen Songs, bei denen die Solos nicht ganz so ausgeprägt und präsent sind. Aber je öfter man es hört, desto eher findet man darin dennoch den Meister wieder.
Fazit: 9 von 10 Punkten. Slash hat hier mit Myles Kenndy und der Backingtruppe The Conspirators kongeniale Mitstreiter gefunden. Myles Kennedy hat auf diesem Album allerdings keine Rhythmgitarren mehr beigesteuert (wie z.B. auf dem Vorgängeralbum) und konzentrierte sich nur auf seine Gesangsspuren. Maestro Slash hat alle Register seines Könnens gezogen und hält sich bei einigen Songs erstaunlich im Hintergrund. Er spielt sehr songorientiert und banddienlich, aber immer am obersten Level. Seine Solos sind wie eh und je eine Klasse für sich und auch hinsichtlich Songwriting passt hier einfach alles! Grandioses Album eines aussergewöhnlichen Musikers!
MANUEL NORMAL „Normal is des ned“
(Hoanzl/Rottensteiner PR)
Manuel Normal : Oberösterreicher, Wunderwuzzi, Tausendsassa, Dialektrocker, Multiinstrumentalist, Sänger, Alleskönner, Komponist, Texter… ein Multitalent, wie es im Buche steht! Zahlreiche Veröffentlichungen gehen bereits auf sein Konto und mittlerweile ist er aus dem „Geheimtipp-Stadium“ längst entwachsen. Sein mit Spannung erwartetes neues Album „Normal is des ned“ kommt im schicken Digi-Pack mit minimalistischem Design und wurde von ihm fast im Alleingang eingespielt, auf ein paar Songs dürfen auch seine Livemusiker Jochen Reidinger (Drums, Vocals), Ingo Eder (Bass, Vocals) und Stefan Lindenbauer (Guitar, Vocals) Beiträge leisten und dann und wann verirrten sich auch Gastmusiker/innen in sein Studio, denn aufgenommen und gemischt hat er auch alles selber.
Das Album startet mit „Virgin“ , ein minimalistisch bluesiger Song mit Lebensweisheiten rund ums Häuslbauen und der Erkenntnis seiner Mama „Kolerika san gacka“ … Beim nächsten Song „Hirn“ bekommen die Politiker ihr Fett weg und seinem Ratschlag „es is gscheida, waunn ma Hirn vateun“ kann ich nur beipflichten. Song Nummer 3 trägt den genialen Titel „Gebrüder Krim“ und rechnet gleich mal mit Putin, Obama, NSA usw. ab. Der Song an sich flattert luftig aus den Boxen, nur die hölzernen Reime und die diesmal nicht ganz gelungenen Wortspiele verursachen Knöpfe in den Gehirnwindungen, obwohl die Aussage ja an sich treffend und genial wäre… Rockig wirds dann mit „Blue Jeans“ , wo Manuel „a Fiabablosn“ von „ihr“ möchte, weil sie „so geil ist“ … Naja. „Komisch“ klingt wie ein Song von Attwenger , die Reime kommen wesentlich intelligenter daher und hier blitzt das Textgenie des Herrn Normal wieder auf! „Glick“ wurde dann von der gesamten Band eingespielt und das tut hörbar gut. Auch diesmal textete er auf den Punkt! Mit „Früha“ kommt dann ein rockiger Song mit tollem Groove und einem eher mässigen Text, das kann er besser… „Herz“ ist dann ein Song, der mit Doors -ähnlichem Feeling daherkommt und sich zu einem flotten Rocker entwickelt. Besungen wird dabei das ewige Mysterium „Liebe“, er verteilt dabei die Message: „In meiner Optimistenkistn liegt a Listn, trog di bitte ein, weil dei Herz bricht nämli ned glei“ . OK, grundsätzlich nicht schlecht gemacht, steil gesungen und instrumental atmosphärisch dicht. „Siemazwanzg“ wiedermal im Attwenger -Style, vielleicht steht er ja auf die ebenfalls aus Oberösterreich stammende Minimalisten-Kombo. Ein weiterer Song im Alleingang, nervöse Gitarren und textlich grösstenteils im Geniebereich, der Rest ist eindeutig Wahnsinn. „Wos Wertvolles“ – der Name ist Programm, weil dieser Song vereint seine geniale Textkunst mit eindringendem Gesang, gefühlvoller Instrumentierung und einer Message, die unter die Haut geht. Der Refrain geht wunderbar auf wie ein Mühlviertler Germteig und dann räuspert er sich und meint „pfiat eich!“. Aber noch ist es zu früh für eine Verabschiedung, denn mit „Ansa Menü“ hat er dann noch den absolut besten Song des Albums parat. Hier stimmt einfach alles, musikalisch ein Hammer, fette Rockgitarren, geniale Chord Progression und ein absolut reifer Text! Was für ein Song! Wahrlich ein krönender Abschluss! …aber halt, wenn man s „ansa Menü“ bis zum Schluss hört, offenbart ein hidden track nochmal die gefühlvollere Seite des Herrn Normal. Ein grandioser Song, der eigentlich einen der vorhin genannten, etwas schwächelnden Tracks locker hätte ersetzen können…
Fazit: 8 von 10 Punkten. Vorschusslorbeeren hatte der erfolgsverwöhnte Dialektrocker ja schon genug, jetzt ist das neue Album da und entspricht leider nur teilweise den überschwänglichen Vorfeld-Kritiken. Ich kann hier leider keinen neuen Goethe heraushören und auch der Literatur-Nobel-Preis ist in unerreichbar weiter Ferne, aber man kann dem Wirtshaus-Literaten und Hinterhof-Poeten Manuel Normal dennoch sehr viel abgewinnen, man spürt bei den meisten Songs seine Ehrlichkeit und Geradlinigkeit, auch wenn dann und wann holprige Reime und hölzerne Wortspiele der Pointe den Ohrgasmus versauen. Das kann er besser, viel besser! Musikalisch sind die Songs mit fremder Beteiligung um Klassen besser als seine One-man-plays-and-sings-everything-Egotrips. Vielleicht schon ein ernstgemeinter Tipp fürs nächste Album. Dann auch bitte mehr von Songs wie „Ansa Menü“ , „Wos Wertvolles“ und dem sträflichst ver“hiddeten“ Track. Und: Attwenger spielen eh schon selber lang genug wie Attwenger 🙂 Die klipp und klare Kaufempfehlung muss an dieser Stelle uneingeschränkt ausgesprochen werden, weil man diesem Künstler und seinen Songs Gehör schenken sollte, denn so ehrlich erfrischend Freches mit tiefsinniger Wehmütigkeit und aufmümpfiger Rotzpipm-Message hat es aus Österreich schon sehr lange nicht mehr gegeben.
JACK WHITE „Lazaretto“
(Columbia Records/Rottensteiner PR)
Jack White , der als jüngstes von 10 Kindern in Detroit aufwuchs und seit 2005 in Nashville wohnt, ist einer der produktivsten und bekanntesten Künstler der letzten 15 Jahre. Als The White Stripes 1997 ihre ersten Konzerte gaben, erwartete niemand, am wenigsten Jack, dass eine rot-weiße-1-Mann-1-Frau-Band bald die Mainstream-Welt erobern könnte. Zur Veröffentlichung ihres 2001er Albums „White Blood Cells“ fand sich die Band dann auf Magazin-Covern und begeisterte Zuhörer auf Konzerttouren weltweit. „Fell In Love With A Girl“ diente als Durchbruch und der dazugehörige Lego-Clip wurde als das beste Musikvideo der 2000er ausgezeichnet. Das 2003er Album „Elephant“ zementierte den Ruf der Band als eine Kraft, mit der man rechnen muss, und es lieferte den Über-Hit „Seven Nation Army“ , der mittlerweile zu einer Stadionhymne vieler Fussballteams in der ganzen Welt wurde. 2004 arbeitete Jack White zusammen mit Loretta Lynn an ihrem „Van Lear Rose“ -Album, eine Produktion, die ihm Grammys für „Best Country Album“ und „Best Country Collaboration“ für die Single „Portland, Oregon“ bescherte. Bis heute hat Jack White neun Grammys in sieben verschiedenen Kategorien gewonnen.
Eine neue Band aus alten Freunden gründete White 2006 mit den Raconteurs und ihr Debütalbum „Broken Boy Soldiers“ zeigte eine deutlich andere Seite, da Songwriting- Gesangs- und Gitarrenaufgaben aufgeteilt wurden. Der Erfolg der ersten Single „Steady, As She Goes“ bewies, dass White’s vorherige Errungenschaften keine Glückstreffer waren. Um dies noch weiter zu treiben, ging White 2009 zu seinem ersten Instrument zurück, den Drums, und gründete Dead Weather mit Mitgliedern von The Kills , Queens Of The Stone Age und den Greenhornes . Mit zwei Alben in zwei Jahren und dunkel-beeindruckenden Live-Shows für ein neugieriges Publikum, verdeutlichten sie erneut Jack White’s musikalische Vielseitigkeit. Ebenfalls 2009 eröffnete Jack White sein höchsteigenes Plattenlabel, „Third Man Records“, wo er über 120 Platten in weniger als 3 Jahren produzierte. Dabei könnten die Künstler unterschiedlicher nicht sein, die Spannbreite reicht von Jerry Lee Lewis , Smoke Fairies , Wanda Jackson , Black Milk und Stephen Colbert . Das Label konnte sich schnell einen Ruf als führend in der Vinyl-Schallplattenindustrie erarbeiten.
2012 veröffentlichte Jack White dann sein Solo-Debütalbum „Blunderbuss“ , das gleich auf # 1 in den US- und UK-Charts einstieg. Das Album erhielt 5 Grammy Nominierungen, u.a. die prestigeträchtigen „Album Of The Year“ und „Best Album“. Nun ist Jack White mit einem weiteren Soloalbum namens „Lazaretto“ zurück: Blau/schwarz bleibt also klamottentechnisch seine Lieblingskombination, jetzt, da rot/weiß endgültig ausgedient hat. Jack White , der gerade erst die Black Keys abgewimmelt hat, weil sie seiner Ansicht nach eine weichgespülte und darum kaum brauchbare Version der White Stripes abgäben, kommt mit einem weiteren Analogfetisch aus dem Hobbykeller seiner legendären Vinylmanufaktur daher und wie schon der fabelhafte Vorgänger „Blunderbuss“ hört sich auch diese Platte an wie eine betrunkene, zerrupfte Krähe, die jederzeit in der Lage ist, einem ohne Vorwarnung ein Auge auszupecken. White zelebriert eine Art von derangierter Rohheit, einen Sound, der wild, ungeschliffen und anarchisch klingt, und von dem man doch weiss, dass Detroits derzeit bekanntester Show-Act als Kontrollfreak mit Sicherheit jeden einzelnen Takt und Ton bewusst an die richtige Stelle gesetzt hat. Er hätte es sich deutlich einfacher machen können, hätte einfach nur zehn, zwölf von diesen elektrifizierten Bluesrockstampfern aus dem Ärmel schütteln müssen und ein jeder hätte vor Ehrfurcht geschwiegen. Wollte er aber nicht. Die eigentümliche Mischung Marke „Tom Morello meets Axl Rose“ hat er so spielend drauf, die macht er live aus dem Handgelenk, eine Herausforderung ist das beileibe keine mehr. Fürs Titelstück rappt sich der bleichgesichtige Junge mal eben durch die genudelten Akkorde, „That Black Bat Licorice“ und „I Think I Find The Culprit“ scheppern auch schon gewaltig und als wollte er allen Besserwissern eine Nase drehen, lässt er das bissigste, derbste Stück „High Ball Stepper“ ganz ohne jeden Text von der Leine. White ist nun mal kein Nachmacher, am wenigsten, wenn es um ihn selbst geht. Und so sind die spannendsten Nummern die souligen, die schon bei „Blunderbuss“ für Stimmung sorgten. „Three Women“ knarzt, rüttelt und orgelt ganz wunderbar, „Would You Fight For My Love“ klagt er später und weiß doch schon die Antwort – die logische Folge also „Just Another Drink“ : Country, Funk, Soul, Punk, viele Geigen, viele Tasten, White lässt sich schon lange nicht mehr nur auf die Gitarre festlegen wie noch zu Zeiten der White Stripes , nachträglich müssen ihm diese wie eine unnötige Selbstbeschränkung vorkommen. Und auch wenn nicht jeder Song von „Lazaretto“ mit eine Top-Rating davonkommt – der Mann und seine Musik werden von Mal zu Mal interessanter.
Fazit: 8 von 10 Punkten. Immer hart an der Grenze zum Übertriebenen und dennoch genau den Nerv des Ohrs treffend, könnte man „Lazaretto“ in Kurzform beschreiben. Auf seiner ersten Solo-Scheibe teilweise noch etweas übermotiviert, bringt Jack White hier alle Töne genau auf den Punkt. Paradebeispiel hierfür ist das Instrumentalstück „High Ball Stepper“ . Verzerrt bis zur Grenze des Erträglichen und doch so mitreissend, dass man sich selbst dabei erwischt, wie wild im Takt mitzuzucken. Ein hartes Album, Gitarren- und Bass-lastig mit einem weiterhin unbekümmert aufspielenden Jack White , der klar stellt, wer der Chef im Ring ist, was diesen speziellen, dreckigen Rock’n’Roll anbelangt. Jack schafft es, genau auf den Punkt zu spielen und singen und dennoch nicht zu detailverliebt zu klingen. Klavier und Orgel wechseln sich ab oder ergänzen sich, die meist verzerrten Gitarren und der Bass kämpfen gleichzeitig um die Dominanz und dabei behält doch die teilweise zweitstimmig zelebrierte Stimme des Herrn White immer die Oberhand. Die Platte ist schräg, verzerrt und dennoch unheimlich melodisch und zaubert dem Hörer bereits nach dem ersten Hördurchgang ein entspanntes Lächeln ins Gesicht. Vielleicht taucht der eine oder andere Song in einem künftigen Quentin Tarantino-Western auf, denn es riecht hier streng nach Staub, Whiskey, Saloons, Wüste und zu Tode gerittenen Pferden. Eine anklagende, am Rande des Wahnsinns verlaufende Platte mit einem Helden, der ganz genau weiss, was und wen er hier anklagt!